Die IATF 16949 verschreibt Motivation? – Der dokumentierte Prozess als „Salbe“…

Der „fremde“ Blick über den Tellerrand der Managementsystem wurde hier im BLOG schon in anderen Beiträgen gewürdigt. Er betrachtet die gängigen DIN ISO Themen mit eben „anderen“ Augen, hinterfragt den normfokussierten „Tunnelblick“, schärft Wahrnehmung und gibt Impulse…

Dieser Beitrag wurde vom Beraterkollegen Lars Vollmer (intrinsify.me) inspiriert.  Er nimmt in seinem BLOG provokant  und humorvoll die IATF 16949 auf´s Korn – genauer gesagt: ihre Vorgaben zu dokumentierten Prozessen (für Normfremde: solche betrieblichen Regelungen, die sich in einem standardisierten Prozess schriftlich zusammenzufassen und anweisen lassen).

Um welchen Prozess geht es? Motivation der Mitarbeitenden…

 

Ja, es ist so eine Sache mit der Motivation…

Alle wollen Sie – nur wenige haben sie…  Sie gilt als Kernthema der Führung und als Fundament für Leistungsbereitschaft, Zufriedenheit und Gesundheit. Ob als Funke, Antrieb oder Mythos – unzählige Bücher umkreisen das Thema und immer wieder kommen neue dazu. Ein Patentrezept gibt es immer noch nicht…. Oder doch?

Die neue IATF 16949 als automobiler Qualitätsstandard sieht das ganz pragmatisch: Motivation ist ein Prozess und der muss nach der letzten Revision nicht nur existieren, sondern auch dokumentiert werden.

7.3.2:
 „Die Organisation muss über (einen) dokumentierte(n) Prozess(e) zur Motivation der Mitarbeiter zur Erreichung der Qualitätsziele, zur ständigen Verbesserung und zur Schaffung eines Umfelds zur Förderung von Innovation verfügen.“

Eine Vorgabe, über die sich Lars Vollmer köstlich echauffiert und den Vergleich mit der Salbe anbringt: „Wie können sie dem Irrglauben verfallen, dass ein dokumentierter Prozess sicherstellen kann, dass Mitarbeiter motivierter ihre Arbeit tun? (…)Wie zum Teufel können sie annehmen, dass Motivation in Form einer Salbe – und nichts anderes ist diese von außen verabreichte Norm – wirksam sein kann?“

Ein Ausflug in´s Private

Wertvoll an dieser medizinischen Metapher ist aus meiner Sicht eine Frage, die in Managementsystemen erst jetzt – mit den zunehmenden Dokumentationsfreiheiten –  langsam in Mode kommt: Was kann man eigentlich mit einem standardisierten Prozess wirksam regeln, was nicht?

Übertragen wir das Ganze auf´s Privatleben: Stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihre Kinder zum Aufräumen „motivieren“…  Je nach potentiellem Aufwand, Tageszeit, persönlichen Vorlieben, konkurrierenden Zeitvertreiben, Alter und Persönlichkeit der Kandidaten, würden Sie wahrscheinlich völlig unterschiedliche Strategien verwenden. Für die Einen – ggf. schon älter und verständiger – reicht Überzeugungsarbeit und der Verweis auf den Effekt und Nutzen: „Vielleicht findest du bei der Gelegenheit endlich dein Lieblings-Shirt wieder?“. Für die anderen braucht es zunächst intensive Begleitung und am besten auch eine fassbare Belohnung: „Komm, ich helf´ dir schnell.. Hinterher gehen wir zusammen Eis essen!“. Nicht im Traum würden Sie darauf kommen, hier einen Standardprozess zu definieren…

Die Umsetzung solcher Normvorgaben in der Praxis

Wie wohl werden die zuständigen, beauftragten Kollegen mit der Forderung nach einem  Motivationsprozess umgehen?

Wenn es primär darum geht, das Zertifikat nicht zu gefährden, könnte die jeweilige Stabsstelle Zertifizierungs-Erfahrungen anderer Unternehmen und Kollegen abfragen, um eine „sichere“ Patentlösung zu finden, die im Audit nicht beanstandet wird (gut zu beobachten in den gängigen Fachforen).

Nicht selten geschieht dies aus einem unglücklichen Rollenverständnis heraus und mit der allerbesten Absicht, die oberste Leitung und ihr disziplinarisch legitimiertes Führungs-Gefolge nicht zu belasten und zu belästigen.

Geht es anders?

Wie Lars Vollmer in seinem Beitrag so treffend anmerkt, ist Selbstbestimmtheit bzw. Autonomie eine ganz wesentliche Triebfeder für unser Verhalten… Niemand mag es, unhinterfragt Befehle anzunehmen…Jeder möchte ernst genommen werden und die Freiheit und den Freiraum haben, selbst zu entscheiden, was er/sie wie, wann mit wem tut…

Wie wäre es also, Mitarbeiter bei der Gestaltung der für sie relevanten Prozesse einzubinden  und um Mithilfe zu ersuchen? (Übrigens ein gängiges Vorgehen aus der professionellen Change-Beratung!)

So bekämen sie die Gelegenheit, mit ihrer Erfahrung und Expertise, Sinn und Nutzen der Zielsetzung zu diskutieren, diese zu verstehen und sich wohlmöglich sogar damit zu identifizieren. Nebenbei würden Wirksamkeit und Machbarkeit ebenso wie widersprüchliche Vorgaben unterschiedlicher Fachbereiche von denen beurteilt, die es wirklich können.
Motivation durch Einbeziehung/Beteiligung … Zwei Fliegen mit einer Klappe 😊.
(….übrigens eine Verknüpfung, die in den sogenannten Management-Grundsätzen längst hergestellt ist…[DIN ISO 9000:2015, 2.3.3 Engagement von Personen])

Fazit

Eigentlich ist es wahrlich etwas Gutes, wenn Unternehmen über die Motivation (oder das Bewusstsein) der Mitarbeiter nachdenken – zumindest, wenn es WIRKLICH darum geht, erwünschtes (zielgerechtes) Verhalten umzusetzen.
Ist der Einfluss darauf allerdings so personen- und situationsabhängig wie die Motivation, fördert der IATF-Standard durch diese missverständliche Vorgabe genau das, was Lars Vollmer am Ende seines Artikels noch einmal herausstellt: Statt guter Ergebnisse, gekonnter Zielerreichung und erfreulicher, motivierender,  gesunder Erfolgserlebnisse nur das oberflächliches „so tun, also ob..“ – eben „Businesstheater“

Soll auf das Schau-Spiel verzichtet werden, geht es nicht ohne eine „passende“ ergänzende und unterstützende Führung vor Ort. Nur sie kann Zielen und Regelungen durch ihr sichtbares TUN Gewicht verleihen und dabei situationsangemessen unterstützen, Neues wirksam zu machen.

Wie wäre es mit folgendem neuen Prozess: Führungskräfte in Managementsystemen so einbinden, dass sie die Umsetzung von Zielen und Regelungen tatsächlich unterstützen… ?

Ach nee, wird wohl auch schwierig – zumindest als Standardlösung……😉


Links & Verweise

Original-Link (inklusive Podcast zum Anhören): https://intrinsify.me/endlich-mitarbeitermotivation-gibts-jetzt-als-salbe/

Quelle: Fotos Salbe & Prozess von pixabay (flowchart-311347, tube-2338604)

Illustration: Susanne Petersen in Anlehnung an bikablo 1 – Das Trainerwörterbuch der Bildsprache

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s